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Mit Karten informieren und mobilisieren

Maptivism – Offene Karten für eine aktive Zivilgesellschaft

Das Internet hat die Welt der Kartografie revolutioniert. Während das Umsetzen und Erstellen von Karten früher sehr aufwendig war, kann man heute umfassende Geo-Tools praktisch kostenlos nutzen. So können Laien digitale Karten selbst erstellen und mit eigenen Informationen kombinieren. Zum Beispiel als Alternative zur staatlichen Informationspolitik während der Reaktor-Katastrophe von Fukushima. Dort sammelten Freiwillige und NGOs Messdaten von verschiedenen Orten. Alle Informationen wurden auf einer Online-Karte gebündelt und verortet und boten eine alternative Informationsquelle. Der Vorteil von Karten: Jeder kann sie lesen und Karten sind ohnehin ein Alltagswerkzeug.

 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, digitale Karten zu nutzen:

• Karten geben Orientierung und stellen Zusammenhänge anschaulich dar – zum Beispiel durch das Anzeigen von Standorten oder dem Visualisieren von Statistiken.

• Nutzer können mitmachen, indem sie Informationen zu Orten eintragen, für die es vorher gar keine oder nur geschlossene Daten gab.

• Komplexe Zusammenhänge mit verschiedenen Ebenen und kombinierten Geodaten lassen sich in interaktiven Karten darstellen.

• Location-based Services liefern mit mobilen Karten Informationen im Kontext.

Über Karten können auch komplizierte Statistiken einfach dargestellt werden. Auf offene-entwicklungshilfe.de werden die Ausgaben der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit in einer Karte dargestellt. Über die Farbabstufungen können die Unterschiede der weltweiten Ausgaben schnell erfasst werden. Die dahinterliegende Software ist als Open Source Software frei verfügbar. Mit Anbietern wie Mapbox.com kann man mit wenig Geld sogar einen eigenen Karten-Server unterhalten und selbst Karten nach individuellen Bedürfnissen gestalten. So können Karten für spezifische Kampagnen entwickelt werden, wie im Fall der Ernährungskrise am Horn von Afrika, als das World Food Programme viele Informationen auf einer Karte integriert hat.

Das Handy als Beteiligungsinstrument

Mithilfe eines Smartphones und des darin enthaltenen GPS können Nutzer ganz leicht spezifische Standorte zu Karten beitragen. Ein bekanntes Beispiel ist die Karte Wheelmap.org wo barrierefreie und nicht rollstuhlgerechte Orte dargestellt werden. Auf Open Green Map werden Internetnutzer eingeladen die ökologisch-kulturellen Eigenschaften ihrer Umgebung zu kartieren. Für den gemeinnützigen Bereich ergeben sich also faszinierende Möglichkeiten, wie die virtuelle Einführung „Maps for Advocacy“ des Tactical Tech Collective anschaulich beschreibt.

Mit digitalen Karten können Organisationen auch komplexe Sachverhalte entschlüsseln und spannende Anwendungen entwickeln. Zum Beispiel die Einwohnerzahl im Einzugsgebiet eines Kernkraftwerkes oder die Berechnung des Fluglärms vom neuen Berliner Flughafen. Solche Anwendungen erlauben es dem Nutzer, selbst die Information im jeweiligen Kontext zu erforschen. Wie im Fall von Frankfurt-Gestalten.de, wo Themen der Lokalpolitik in einer Karte veranschaulicht werden. Hier kann jeder Bürger aktuelle Infos aus der Nachbarschaft abonnieren und die Ent­scheidungen der Ortsbeiräte online diskutieren. Möglich werden solche Anwendungen durch eine aktive Open-Source-Community wie dem Projekt OpenStreetMap, wo alle Kartenmaterialien inklusive der dahinterstehenden Geodaten frei zur Verfügung stehen. Vorteil: Man umgeht werbefinanzierte und teure Lizenzen anderer Anbieter.

Informationen im Kontext

Ihre ganze Stärke entfalten Geo-Anwendungen auf Smartphones. Die Sunlight Foundation in den USA hat beispielsweise die App Sitegeist entwickelt, die das Potenzial solcher mobilen Geo-Anwendungen aufzeigt. Unter dem Slogan: „Understand and uncover the identity of your location with a tap“ werden unterschiedliche Informationen zur Umgebung geliefert, wie Mietpreise, Umweltdaten und vieles mehr. Doch solche Anwendungen können auch problematisch sein, wenn zum Beispiel Nutzerdaten ungefragt gesammelt werden. Zudem kann eine Statistik allein harmlos sein, aber in der Kombination mit anderen Daten zu Diskriminierung führen, beispielsweise wenn durch gut gemeinte Transparenz einzelne Gruppen benachteiligt werden. In Indien führte die Kartografierung von informellen Siedlungen dazu, dass Investoren eine Grundlage für Grundstückskäufe hatten. Dennoch: Gerade im Non­-Profit-Bereich bieten digitale Karten großes Potenzial für Kampagnen und zur Mobilisierung von Bürgern.

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Christian Kreutz ist Geschäftsführer der crisscrossed GmbH und im Vorstand der Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. Er arbeitet an unterschiedlichen Projekten zu digitaler Transparenz und bietet mit WE THINQ ein Instrument für online Beteiligungs- und Ideenprozesse. we-thinq.de