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Vernetzte Fähigkeiten

Das Internet der Dinge für die Zivilgesellschaft

Auf Technologiemessen und in den Vorstandsetagen von General Electrics, Deutscher Telekom und Co. wird das Internet der Dinge seit mehr als einem Jahrzehnt als das „nächste große Ding“ der Online-Branche gehandelt. Nicht mehr nur Menschen, sondern auch Räume und Geräte würden anfangen, miteinander zu reden. Doch der gemeinnützige Sektor bleibt bislang von dieser Entwicklung unberührt – oder?

Die Idee hinter dem Internet der Dinge ist einfach: Alles, was ein eindeutig identifizierbares physisches Objekt ist, bekommt eine individuelle Adresse und wird virtuell abgebildet. Bis zum Jahr 2015 sollen weltweit mehr als 15 Milliarden internetverbundene Geräte in Benutzung sein, besonders Smartphones, Tablets, TV-Geräte, Haushaltsgeräte, Sicherheitssysteme, medizinische Geräte, Verkaufsautomaten uvm. Der Traum von einer sich selbst verwaltenden Smart City scheint so in greifbare Nähe zu rücken. Doch auch für die Zivilgesellschaft erschließen sich enorme Potenziale, wenn in Zukunft alle Personen, Dinge und Dienste miteinander kooperieren können.

In der Industrie frohlockt man besonders angesichts der enormen Einsparpotenziale dieser Selbstorganisation. Auch Umwelt- und Klimaschutz­organisationen hätten in dieser Logik ein Interesse, das neue Netz voranzutreiben: „Würden die Milliarden von Maschinen, die dem Menschen im Haushalt, in Fabriken, im Verkehrs- und Gebäudesektor und in der Landwirtschaft zur Hand gehen, sich miteinander unterhalten können, würde das den CO2-Ausstoß auf der Erde jährlich um 9,1 Gigatonnen senken“, schreibt die „Wirtschaftswoche“. Universelle Vernetzung, unübertroffene Effizienz, noch stärker eingeschränkte Privatsphäre: Ist das die einzig denkbare Logik, um das Internet der Dinge zu nutzen?

Neue Freiräume für Organisationen

Dem gesellschaftsverändernden Potenzial der neuen Technologie auf der Spur, kommt man an der Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mercedes Bunz nicht vorbei. Abseits der Logik des Profits könne das „Internet der Dinge und Dienste“, so Bunz, auch zugunsten der Gemeinschaft genutzt werden. Schließlich geht es auch darum, Fähigkeiten und Merkmale von Menschen, Dingen und Geräten miteinander kommunizieren zu lassen – unabhängig von einer aktiven menschlichen Handlung. Sie können stricken? Tragen Sie diese Fähigkeit in ein Netzwerk ein, das Sie benachrichtigt, wenn jemand anders Strick-Expertise benötigt. Sie arbeiten in einem Gemeinschaftsbüro? Lassen Sie Ihren Schreibtisch kommunizieren, wenn Sie Feierabend machen und jemand anders Ihren Platz nutzen kann.

Erste Organisationen haben sich gegründet, die als Vermittler von solchen gemeinnützigen Fähigkeiten und Merkmalen auftreten. The Public School beispielsweise beschreibt sich als ein Netzwerk „that supports autodidactic activities, operating under the assumption that everything is in every­thing“. Nicht Akkumulation von Wissen, sondern ein offener Zugang zu demselben steht im Mittelpunkt der Aktivitäten. Das britische Projekt Go On UK wiederum spannt jeden halbwegs kompetenten Internet-Benutzer mit ein, um den digitalen Bruch in Großbritannien zu überwinden.

Auf dem Weg zur Non-Money Centered Organisation

NGOs, die sich auf die neue Technologie einlassen, könnten sich noch weitreichender verändern: Statt Geld zu sammeln, um damit Projekte und Verwaltung zu finanzieren, ließe sich der Umweg über das Geld in Zukunft einsparen. Warum nicht gleich temporär einen Raum spenden, der für ein Projekt genutzt werden kann? Oder eine Fähigkeit zur Verfügung stellen, die dringend für die Realisierung eines Vorhabens gebraucht wird?

Wenn Wohltätigkeit nicht originär auf Geld, sondern auf Interesse und Engagement basiert, warum nicht mit technologischer Unterstützung Letzteres nutzen, statt immer effizienter Geld zu sammeln? Der Weg scheint bereitet für „Non-Money Centered Organisations“ (Bunz).

Mindestens ein Wagnis birgt eine solche Entscheidung: Mehr Geld bedeutet mittelbar auch immer mehr Hilfe bzw. mehr geförderte Projekte. So gut kalkulierbar ist die Vermittlung von Fähigkeiten und Dingen noch nicht. Doch eine Überlegung sollte es wert sein, wie das Internet der Dinge für besser funktionierende Gemeinschaften eingesetzt werden kann.

Texte und Links zum Thema

• Mercedes Bunz (2012): Die stille Revolution. Suhrkamp Verlag.

• Benjamin Reuter: Wie plaudernde Maschinen das Klima retten. In: Wirtschaftswoche green vom 4.3.2013,

bit.ly/13zNfPV

Links zu den erwähnten Beispielen

thepublicschool.org

go-on.co.uk

Maike Janssen entwickelt bei der Agentur Wigwam transmediale Kommunikationsstrategien für NGOs, Stiftungen und andere Akteure. Sie studierte Medienkultur und Kommunikationsmanagement und leitete u.a. den Online-Bereich der Grünen im Wahlkampf 2011.